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Entwicklungspolitik und die Rolle der Kirchen

7. 1. 2008 -
Wer in der Politik von Rollen spricht, denkt offenbar an die Bretter, auf denen sich Politiker durch gekonntes Rollenspiel oder intensive Regiebemühung auszeichnen und gelegentlich auch den Kirchen eine bestimmte Rolle zuweisen möchten. Die Kirchen verstehen ihre Rolle so, dass sie vor und neben institutionellen Eigeninteressen bestimmte Inhalte und Werte aus Ethik und Soziallehre vertreten, die sie den Politikern beim viel zitierten Bohren dicker Bretter ans Herz legen möchten. So ist das Verhältnis zwischen Staat und Kirche von gegenseitigen und nicht immer identischen Erwartungen gekennzeichnet. Das gilt auch für die Entwicklungspolitik.

Historische Erfahrung und Akzentuierung

In der Nachkriegszeit war das Verständnis der Beziehung von Staat und Kirche bestimmt durch die Erfahrung der Bekennenden Kirche, sowie durch die Theologie von Karl Barth mit ihrem Verständnis der Kirchengemeinde als dem inneren Kern der Bürgergemeinde, durch die Una -Sancta - Bewegung und einen neuen vitalen Katholizismus. Den Kirchen kam eine wichtige Bedeutung beim Aufbau der Gesellschaft zu. Inzwischen haben sie wie andere großen gesellschaftlichen Institutionen an Mitgliedschaft und Einfluss verloren, genießen jedoch nach wie vor Vertrauen und Ansehen weit über den Mitgliederkreis ihrer Kerngemeinden hinaus. Sind die Kirchen Nichtregierungsorganisationen (NROs)? Im Ausland werden sie im allgemeinen so wahrgenommen. In Deutschland gehören sie traditionell in den Bereich des öffentlichen Rechts (Art. 140 GG). Hierzulande wird die Frage nach dem NRO-Status von den Kirchen meist so beantwortet, dass sie jedenfalls Teil der Zivilgesellschaft sind und dass sie NROs haben. Denen kommt denn auch eine tragende Rolle im Verbund von VENRO zu. Neben der Bundesregierung bringen die Kirchen die größten Beiträge zur deutschen Entwicklungszusammenarbeit auf.

Im sechsten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts, als deutsche Entwicklungspolitik unter internationalem und vor allem US-amerikanischem Einfluss entstand, agierten die Kirchen schon als Partner in Programmen internationaler Hilfe auf der Bühne und mutierten gerade in ihren weltkirchlichen und ökumenischen Verbundsystemen konsequent von Nehmern zu Gebern. Sie waren damals übrigens klug und unabhängig genug, den historisch und inhaltlich problematischen Begriff der „Entwicklung“ weithin zu vermeiden. Ihre Werke hießen Misereor, Brot für die Welt, Dienste in Übersee oder Adveniat und finanzierten ihre Programme aus Spenden oder Kirchensteuermitteln.

Die ihnen freundlich gesonnene Adenauerregierung war seinerzeit überzeugt, dass es nützlich sein könnte, die Kirchen als Motivatoren mit in das Boot der neuen Entwicklungszusammenarbeit zu nehmen und bot ihnen die staatliche Förderung in der Form von kirchlichen Zentralstellen für Entwicklungshilfe an. Die katholische und (nach einigem Zögern) auch die evangelische Kirche haben dieses Angebot in den sechziger Jahren akzeptiert und erhalten seither zusätzlich Mittel aus dem Haushalt des BMZ. Wie die politischen Stiftungen sind sie zugleich Zuschussempfänger und Anreger staatlichen Entwicklungsengagements. Ihre Vertreter tragen zudem Mitverantwortung für nationale Institutionen, etwa im Verwaltungsrat des DED, und nutzen ihr Angebot, insbesondere im Bereich der Ausbildung. So entsandte z.B. das Diakonische Werk den Pfarrer Hahn in einen der ersten Kurse des DIE, um ihn für seine spätere langjährige Tätigkeit als ökumenischer Direktor zuzurüsten.

Zu der Erwartung der Politiker gehörte es, dass die Kirchen zu der Motivierung der Bürger für die Weltverantwortung beitragen. Das ist bis heute so geblieben. Wenn kirchliche Delegationen vor den Bundestagswahlen mit den Partei- und Fraktionsspitzen sprechen und die Entwicklungspolitik auf der Tagesordnung steht, klagen die Politiker über mangelnde Akzeptanz der Wähler für eine Politik zugunsten des “fernen Nächsten” in Zeiten knapper Kassen und erhoffen sich Unterstützung von der Seite der Kirchen, während die Kirchenvertreter von Regierung und Parteien die stärkere Berücksichtigung politischer Anliegen der “Einen Welt”, etwa in Sachen Entschuldung oder der Erleichterung von Agrarimporten, aber auch in der staatlichen und multilateralen Hilfe fordern. Im entwicklungspolitischen Wissen ist man sich da ziemlich sicher und weitgehend einig. Vielleicht wäre es besser, meinte allerdings der Theologe Ernst Käsemann, wenn wir ein bescheideneres Wissen in der Tat leben würden. Weltsozialpolitik ist schwer zu realisieren. Manchmal hat man geradezu den Eindruck, dass deren politische Akteure bei den Kirchen sympathische Schultern suchen, an denen sie sich einmal richtig ausweinen können. Dabei ist nicht alles ohne Hoffnung: die Entwicklungspolitik kennt Fortschritte; wenn uns auch manchmal erst das traurige Ereignis einer Katastrophe zeigen muss, wie viel Solidarität und Weltverantwortung es doch in unserem Lande gibt.

Zusammenarbeit und Selbstverständnis

Die deutsche Entwicklungspolitik hat von Anfang an allerlei Impulse aus den Kirchen erhalten. Schon die ersten BMZ-Minister lieferten dafür Beispiele. Wenn der Liberale Walter Scheel als erster Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit die Entwicklungspolitik als „eine Art Sozialpolitik in weltweitem Ausmaß“ zur Lösung der „internationalen sozialen Frage“ bezeichnete, deutet das auf kirchliche Quellen (und konkret auf die Entwurfsautorenschaft von Karl Osner hin, der zu seinen engsten Mitarbeitern gehörte und aus dem katholischen Verbandswesen stammte). Nach Hans-Jürgen Wischnewski („Ben Wisch“), der sich vor allem in der Solidarität im Kampf gegen den Kolonialismus ausgezeichnet hatte und dem Ministerium eine klare politische Linie vermittelte, trat dann mit Erhard Eppler als dem dritten BMZ-Chef ein engagierter Protestant auf die BMZ-Bühne. Wie Gustav Heinemann und Johannes Rau war dieser junge Politiker und Pädagoge von GVP-Erfahrung und politischer Gewissensentscheidung geprägt. Keiner hat so stark wie er die deutsche Entwicklungspolitik und die junge Generation ihrer Beamten angeregt und geformt. Herbert Wehner hat ihn und seine Anhänger in seiner bekannt grimmigen Art freundlich-kritisch als den „Pietcong“ bezeichnet. Manche von uns haben das damals als einen Ehrentitel interpretiert und akzeptiert. Während im Verständnis der Politik die Kirchen von Anfang mit der Dimension des Opfers eine moralische Qualität einbrachten, erwartete Erhard Eppler darüber hinaus von ihnen wegen ihrer besonderen Verpflichtung, den Schwachen zu helfen, die Entwicklung von Modellen mit Vorbildcharakter und das Eintreten für den notwendigen sozialen Wandel.

Dies entsprach im übrigen ziemlich genau dem sich in den Kirchen gerade neu formulierenden Selbstverständnis. Unter den kirchlichen Texten zur Grundlegung der Weltverantwortung ragen die Enzyklika „Populorum Progressio“ (Über den Fortschritt der Völker) von 1967 und die Beschlüsse der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Uppsala 1968 hervor. Der Begriff der Entwicklung erhielt dort einen eindeutig positiven Inhalt, wenn zum Beispiel die Enzyklika Entwicklung als den „neuen Namen für Frieden“ bezeichnet. Die Lektüre dieser historischen Texte ist noch immer faszinierend und vielfach wegweisend. In Deutschland wurden sie in den folgenden Jahren ziemlich intensiv rezipiert. Der Dienst an der Entwicklung wurde als eines der wichtigen Themen und Aufgaben kirchlicher Arbeit erkannt und herausgestellt. Der Stand der Überlegungen lässt sich deutlich aus der EKD-Denkschrift „Der Entwicklungsdienst der Kirche – ein Beitrag für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt“ aus dem Jahre 1973 ersehen. Die Denkschrift erschien mit einem ausführlichen Nachwort aus der katholischen Kirche, in dem die Gemeinsamkeit betont und die ökumenische Zusammenarbeit angeregt wird, wie sie dann in der „Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE)“ und ihren Dialogprogrammen ihren Ausdruck fand. Auf katholischer Seite wurde im Jahre 1991 ähnlich umfassend die Erklärung „Gerechtigkeit für alle – Zur Grundlegung kirchlicher Entwicklungsarbeit „ von der Deutschen Kommission Justitia et Pax verabschiedet.


Die Rolle der Kirchen erstreckt sich seither auf die Bereiche der humanitären Hilfe, Kirchenpartnerschaft, Entwicklungszusammenarbeit, Mission, Advocacy und entwicklungspolitische Bildungsarbeit. Diese Bereiche lassen sich nicht immer wasserdicht voneinander abschotten, aber sie sind doch verschiedene Arbeitsfelder und haben ihre jeweils eigenen Modalitäten und Institutionen gefunden.

Humanitäre Hilfe

Die christliche Tradition der Hilfe für Notleidende kennt viele Vorbilder, von Sankt Martin, dem Nikolaus und der Heiligen Elisabeth bis hin zu Albert Schweitzer und Mutter Teresa. Ob deren Handeln letztlich sinnvoll war, blieb zu ihrer Zeit ebenso umstritten wie die Entwicklungshilfe in unseren Tagen. Jedenfalls wird den Kirchen in der humanitären Hilfe am ehesten eine wichtige Rolle zugestanden und das Gleichnis vom Samariter als Leitbild findet allgemeine Anerkennung. Dabei ist es natürlich falsch, zwischen karitativer und konstruktiver Hilfe zu unterscheiden, was leider häufig geschieht. Der Samariter will den Geschlagenen auf die Beine stellen, also nachhaltig „Hilfe zur Selbsthilfe“ leisten. Auch wenn in der Geschichte nicht davon die Rede ist, was er im gegebenen Fall gegen die Räuber unternommen haben könnte, gilt doch nur solches Verhalten als echte Caritas, das die Verhältnisse ändern will, die zu der Notsituation geführt haben.

An dem Beispiel der Katastrophen- und Flüchtlingshilfe lässt sich gut darstellen, wie die unmittelbare Überlebenshilfe mit dem Blick auf die folgende Aufbauhilfe geleistet werden muss. Hier sind die Kirchen häufig in enger Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen (z.B. UNHCR) tätig, und einige ihrer globalen Werke, insbesondere Caritas Internationalis und der Lutherische Weltdienst, haben darin einen Schwerpunkt ihrer Arbeit gefunden, der von Deutschland aus durch das Diakonische Werk und den Deutschen Caritasverband unterstützt wird. Wie die Geschichte vom Samariter demonstriert, soll die Nothilfe ohne Ansehen der Person und Beziehung erfolgen. Dementsprechend geht es bei der Durchführung dieser Hilfe in fernen Ländern in erster Linie darum, vor Ort leistungsfähige und zuverlässige Partner zu finden. Das müssen keineswegs Brüder und Schwestern des gleichen Bekenntnisses sein; oft genug sind es Rotes Kreuz / Roter Halbmond, örtliche Behörden oder auch Nichtregierungsorganisationen und Stiftungen anderer Religionen.

Die Kirchen wissen, dass es nicht immer leicht ist, die richtige Hilfe zu leisten. Gerade in
der humanitären Hilfe mit ihren besonderen Anforderungen und Gefahren haben sie eine beachtliche Erfahrung aufzuweisen, die sich auch säkulare Hilfsorganisationen und Initiativen zunutze machen sollten, wenn sie bei all ihrer gut gemeinten Aktivität die Kinderkrankheiten dieser Branche in vermeiden wollen. Dazu gehört auch der Einsatz in Situationen kriegerischer Auseinandersetzung, für den angesichts der Gefahr des Missbrauchs humanitärer Hilfe besondere Aufmerksamkeit nach dem Motto des „do no harm“ - Gebots gilt. In den letzten Jahren sind hier besondere Anstrengungen unternommen worden, den Anforderungen des Friedensdienstes zu entsprechen.


Kirchenpartnerschaft

Die Kirchen stehen in weltweiter ökumenischer Gemeinschaft der gesamten Christenheit. Wenn auch die historische Entwicklung diese Einheit und die aus ihr resultierende Solidarität reduziert hat, gehört sie doch zu der Idealvorstellung des christlichen Glaubensbekenntnisses. Am stärksten artikuliert sie sich in der katholischen Weltkirche, den Weltbünden der protestantischen Kirchen und im Ökumenischen Rat der Kirchen. Den beteiligten Gemeinden kann es nicht gleichgültig sein, wenn Partnerkirchen in ihrer Arbeit Not leiden und mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Hieraus entstehen Aktionen wie z.B. das evangelische Programm „Kirchen helfen Kirchen“, die Partnergemeinden in ihren kirchlichen Aufgaben unterstützen wollen und deshalb auch Hilfestellung bei der Renovierung von Gotteshäusern, der Fortbildung und Ausrüstung kirchlicher Mitarbeiter und deren Versorgung leisten, was aus den Mitteln humanitärer Hilfe oder der Entwicklungszusammenarbeit nicht möglich wäre.

In den Jahren des Kalten Krieges haben die großen Kirchen der Bundesrepublik erhebliche Hilfestellung für die Schwesterkirchen in Osteuropa und natürlich auch für die Landeskirchen und Diözesen in der DDR geleistet. So war beispielsweise die Betreuung der oft großflächigen und weit verstreuten Gemeinden vielfach nur mit Hilfe der vom Westen gestifteten Kraftfahrzeuge möglich, und Orgeln wie auch mancher Kirchendachstuhl verdankten ihre Rettung der stützenden Spende von drüben. Auch nach dem Ende des Kalten Krieges ist weiterhin Aufbauhilfe geleistet worden, etwa in den baltischen Ländern, im fernen Baku oder bei der Rekonstruktion des Doms von Kaliningrad-Königsberg, um nur einige Beispiele aus dem evangelischen Bereich zu nennen.

Wie in anderen Formen ökumenischer Zusammenarbeit und Hilfe stellt sich auch in der Kirchenhilfe die Frage nach dem angemessenen Maß der Dezentralisierung. Wenn aus politischen und logistischen Gründen vieles für eine zentrale Durchführung spricht, will man doch eine aktive Beteiligung der Stifter-Gemeinden erreichen. Das Programm soll nicht die Sache einer kleinen Fachgruppe von Funktionären bleiben. Da auf der Empfängerseite Kirchengemeinden stehen, bietet sich die Form der Gemeindepatenschaft an, die sich durchaus auch auf der Ebene des Kirchenkreises oder der Synode bzw. der Landeskirche vollziehen kann. Die Parallele zu den Länder- und Städtepartnerschaften ist deutlich, und manchmal ist eine direkte Verbindung zu ihnen möglich und sinnvoll.

Für die Finanzierung der partnerschaftlichen Kirchenhilfe kommen in erster Linie Zuweisungen aus den kirchlichen Haushalten in Frage, daneben Kollekten und Spenden. In Sonderfällen kommt auch staatliche Förderung vor, wie z.B. aus gesamtdeutscher Verantwortung in den Jahren der deutschen Teilung.


Entwicklungszusammenarbeit

Der Leitgedanke kirchlichen Entwicklungsdienstes war von Anfang an der biblische Begriff der Gerechtigkeit. Die Deutschen hatten viel Not, aber auch Hilfe erfahren und waren nun bereit, in den Jahren des Aufbaus und der beginnenden Wirtschaftswunderzeit anderen Notleidenden zu helfen. Ihre Chistengemeinden sahen sich im weltweiten Kontext durch die Anfrage ihres Herrn an den reichen Jüngling neu herausgefordert und zu ökumenischer Solidarität verpflichtet. Sie wollten nicht nur ein Opfer bringen, sondern auch für ein Leben in Gerechtigkeit eintreten. Im Laufe der Geschichte und im Zuge der generellen entwicklungspolitischen Diskussion haben sich dann weitere Aspekte akzentuiert, vor allem in den Bereichen Umwelt, Frieden und Menschenrechten.

Der Evangelische Entwicklungsdienst (EED), ein Werk unserer Tage, formulierte das Ziel im Juni 2003 in seiner Grundorientierung so:
„Der EED will mit seiner Arbeit beitragen zur Minderung von Armut, Hunger und Not, zum Aufbau gerechter Gesellschaften, zur gewaltfreien Lösung von Konflikten, zum bewahrenden Umgang mit der Schöpfung und zur Überwindung der ungerechten Folgen der Globalisierung.“ Im gleichen Sinne äußern sich die anderen kirchlichen Werke beider Konfessionen.

In der von der Missionsgeschichte geprägten Tradition waren Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft die Kernbereiche kirchlicher Entwicklungsarbeit. Heute stehen bei den großen kirchlichen Werken Projekte integrierter ländlicher und städtischer Entwicklung, Menschenrechte, Demokratieförderung und Stärkung der Zivilgesellschaft ebenso im Vordergrund. Daneben werden Projekte der Kommunikation, der Kleingewerbeförderung, Sozialeinrichtungen, der Umwelt und Infrastruktur unterstützt.

Außerdem haben sich im Raum der Kirchen eine Reihe von Fachorganisationen der Entwicklungszusammenarbeit herausgebildet. Dazu gehören z.B. die Kindernothilfe, die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (früher Deutsches Aussätzigen-Hilfswerk), das Deutsche Institut für ärztliche Mission, die Christoffel-Blindenmission, das Ökumenische Studienwerk als Stipendienwerk und die Arbeitsgemeinschaft Entwicklungshilfe als Personaldienst. Ordensgemeinschaften wie die Salesianer (Berufsausbildung) und die Jesuiten (höhere Bildung, integrierte Entwicklung) oder Sozialwerke wie Kolpingswerk und Malteser Hilfsdienst haben sich mit ihrer Fachkenntnis auf Bereiche der Entwicklungszusammenarbeit spezialisiert.

Fragt man die Vertreter des kirchlichen Entwicklungsdienstes danach, worin sich ihre Arbeit von der Entwicklungszusammenarbeit des Staates und der säkularen NROs unterscheidet, so wird man neben der Bedeutung ökumenischer Partnerschaft vor allem auf Argumente treffen, die aus der Motivation des Glaubens und den Geboten christlicher Ethik herleiten. Daraus ergibt sich ein hoher Anspruch an Lebensstil und Arbeitsweise. Eine unrealistische Idealisierung ihrer Position werden verantwortliche Mitarbeiter allerdings vermeiden, wissen und erfahren sie doch oft genug, dass sie mit ihren Plänen und Institutionen auch Teil dieser Welt mit ihren Versuchungen und menschlichen Schwächen sind.

Mission

Kolonialismus und Mission haben ihre von Gemeinsamkeit und Spannungen geprägte Geschichte. In der Phase der Entkolonialisierung hat sich auch das traditionell patriarchalische Verhältnis zwischen Missionar und einheimischer Kirche ganz entscheidend im Sinne eines Emanzipationsprozesses verändert. Obwohl die Missionsgesellschaften von allen kirchlichen Institutionen in Deutschland die meiste Erfahrung in der Aufbauarbeit und vor allem im Schul- und Gesundheitswesen in Übersee hatten, wollte man ihnen in der Nachkriegszeit die Entwicklungsarbeit nicht einfach übertragen und stützte sich lieber auf die neuen Hilfswerke. Gleichzeitig entschloss man sich zur stärkeren Integration der Mission in die kirchlichen Strukturen. Aus den evangelischen Missionswerken wurden Institutionen innerhalb der Landeskirchen, und in der katholischen Kirche entstanden in Missio Aachen und Missio München zwei zentrale Institute.

Inzwischen hat sich das Rad der Geschichte wieder ein Stückchen weiter gedreht : Wenn man seinerzeit den Missionsgesellschaften manchmal nicht das wünschenswerte Maß an partnerschaftlichem Denken zutraute, haben die heutigen Missionswerke die verfassten Kirchen und ihre Werke gerade in dieser Hinsicht gelegentlich schon überholt. So ist aus der Rheinischen Mission eine Vereinigte Evangelische Mission (VEM) als Gemeinschaft von 34 Kirchen und Institutionen aus drei Erdteilen geworden, die sich auch nicht scheut, heikle Themen miteinander anzugreifen, etwa im Verhaltenskodex gegen Korruption und für Transparenz. Gleichzeitig hat sich auch die Missionstheologie entsprechend gewandelt. Im Vordergrund steht nicht mehr die Bekehrung der Heiden, sondern das christliche Zeugnis in ökumenischer Gemeinschaft und im Dialog zwischen den Religionen.


Advocacy

Die Orientierung christlichen Handelns an der Gerechtigkeit erfordert das Eintreten für eine verantwortliche Weltgesellschaft. Daraus muss eine Überprüfung des eigenen Handelns und Wirtschaftens folgen. In den reichen Ländern bedeutet das vor allem eine Lobby zugunsten Dritter, nämlich der Armen und Benachteiligten als unseren „fernen Nächsten“. Diese Lobby kann sich an die Menschen als Verbraucher richten, um sie für ein bewusstes Konsumverhalten zu gewinnen, oder auch an die Verbände der Wirtschaft und die politischen Mandatsträger, um ihnen gegenüber die Notwendigkeit einer verantwortlichen Weltinnenpolitik zu vertreten. Die Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE) hat in zwei konzentrierten Dialogprogrammen „Entwicklung als internationale soziale Frage“ (1977-99 und 1992-96) und vielen Veranstaltungen diese Notwendigkeit im Gespräch mit Politik und Wirtschaft akzentuieren können. Vor den Bundestagswahlen haben die Kirchen regelmäßig die Parteien und ihre Kandidaten auf ihre entwicklungspolitischen Konzeptionen hin befragt.

Die Kirchen stehen seit einem halben Jahrhundert in der vordersten Front einer entwicklungspolitischen Lobby. Sie traten z. B. schon für Ziele weitgehender Entschuldung der ärmsten Länder, des „fair trade“, der Ächtung internationaler Korruption und der Beschränkung des Rüstungsexports ein, als diese Vorstellungen noch keineswegs akzeptiert waren und vielfach als Illusionen „blauäugiger Gutmenschen“ abgetan wurden. Ihre Option für die Armen wirkt glaubhaft, wenn sie sich gleichzeitig für einen Wandel in den Produktions- und Konsummustern unserer Gesellschaft einsetzen. Solange schließlich die Christengemeinde der Bürgergemeinde darin ein Vorbild gibt, dass sie einen prozentual wesentlich höheren Solidaritätsbeitrag aus ihrer Kasse für Entwicklungsaufgaben bereitstellt, wird sie auch in Zukunft mit Überzeugung und gutem Recht den Staat an frühere Versprechen in dieser Richtung (0.7-Prozent-Verpflichtung von 1970) erinnern können, auch wenn die Politiker solche Zusagen nunmehr für unrealistisch halten.

Entwicklungspolitische Bildung

Zwei Drittel der deutschen Bevölkerung gehören nominal oder aktiv den Kirchen an, die Chance und Auftrag haben, ihre Mitgliedschaft mit ihrer Botschaft zu erreichen und in Gespräch und Tat ökumenischer Weltverantwortung einzubeziehen. Daher erscheint es nur konsequent, wenn die Kirchen seit Jahrzehnten wie keine andere gesellschaftliche Gruppierung Aktivitäten entwicklungspolitischer Informations- und Bildungsarbeit vorweisen können und mehr Mittel dafür aufgewendet haben als der Staat, wo Haushälter und Prüfer zögerten, diesem Bereich die eigene Qualität eines politischen Auftrags zuzugestehen, und die Aufwendungen jahrelang bei etwa einem Drittel Prozent der Gesamtausgaben für die EZ stagnierten (statt der international empfohlenen zwei Prozent), bis sie dann endlich im Jahre 2004 erheblich aufgestockt wurden.

Zu den Aktivitäten im Raum der Kirchen gehören nicht nur die Kirchentage, Arbeitskreise und Tagungen der Akademien, Werke und Gemeinden, sondern auch eine beachtliche Medienarbeit. Dass sich die Kirchen zum Beispiel eine Zeitschrift wie „der überblick“ oder die Förderung der „Zeitschrift Entwicklungspolitik“ leisten, stellt im Grunde eine erhebliche Vorleistung der Christengemeinde für die Bürgergemeinde dar. Gefördert werden daneben nicht nur kirchliche Unterrichtung und Kampagnen, sondern auch viele Vorhaben säkularer Träger und Initiativen der Zivilgesellschaft allgemein. Das Engagement der Kirchen geht jedenfalls weit über die innerkirchliche Information und Werbung hinaus. Wenn man schon bei den Kirchen an eine Rolle denkt, so ist es hier eindeutig eine Rolle vorwärts, die sie in der entwicklungspolitischen Szene unseres Landes seit einem halben Jahrhundert übernommen haben.


 

 
 
 
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